Die Gründungsgeschichte: Ranas Flucht

Rana Ahmad

Rana glaubte nicht an Allah. Und sie war überzeugt davon, dass auch Frauen ein Leben in Freiheit und Gleichberechtigung zusteht. Sie wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie in ihrer Heimat wegen ihrer unorthodoxen Ansichten über Religion, die Menschen und das Universum bedroht, verfolgt oder ermordet werden würde, möglicherweise sogar von ihrer eigenen Familie. Das Leben in Saudi-Arabien wurde für sie zunehmend zur Qual, so dass sie mehr und mehr vor die Wahl gestellt wurde:
Suizid oder Flucht?

Rana entschied sich für die Flucht. Sie dachte, dass sie nur die lange und für sie als alleinreisende Frau extrem gefährliche Balkanroute überleben müsste, um in Frieden, Sicherheit und Freiheit leben zu können. Schließlich ist Deutschland, wohin sie es mit viel Glück schaffte, ein friedliches und sicheres Land mit einer freiheitlichen Verfassung: Niemand darf hier wegen eines „Gedankenverbrechens“ – nichts anderes war ihr Abfall vom Glauben in den Augen der Islamisten – verurteilt werden.

Doch als sich Rana in einer Flüchtlingsunterkunft in Köln wiederfand, wurde ihr klar, dass sich ihr Traum nicht erfüllt hatte. Denn die Gefahr, vor der sie geflohen war, war mit ihr gereist: in Gestalt anderer Flüchtlinge. Auch sie hatten gute Gründe, ihre Heimat zu verlassen, doch Apostasie, der Abfall vom Glauben, war keiner davon. Viele Flüchtlinge, die Rana in Köln traf, waren gläubige Muslime. Und einige von ihnen hielten Apostasie für ein schlimmes, ja sogar für ein todeswürdiges Vergehen.

Rana stand unter Schock: Sie wurde in Deutschland bedroht – wie zuvor in Saudi-Arabien. Sie musste um ihr Leben fürchten – wie in Saudi-Arabien. „Ich hatte das Gefühl, Saudi-Arabien nie verlassen zu haben!“, brachte sie ihre Erfahrungen später auf den Punkt. Lange wusste sie keinen Rat. Dann erfuhr sie zufällig, dass die Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime (ZdE), Mina Ahadi, ebenfalls in Köln lebte. Rana nahm Kontakt zu ihr auf und durch Mina lernte sie einige Mitglieder der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) kennen. Diese konnten ihr wenig später eine Wohnung in Köln vermitteln, die Rana dankbar bezog.

Jetzt erst war sie frei. Sie hätte sich nun in ihrem neuen Leben einrichten und ihre neuen Freiheiten unbeschwert genießen können, doch ihr war schmerzlich bewusst, dass ihr eigenes Schicksal kein Einzelfall war.

Daher nahm Rana all ihren Mut zusammen und brachte mithilfe des Zentralrats der Ex-Muslime und der gbs Köln ihre Geschichte in die Öffentlichkeit. Schon im Juni 2016 erschien ein erster großer Artikel in der Frankfurter Allgemeine Zeitung, im September war sie gleich zwei Mal ([1], [2]) in der Sendung sternTV zu Gast.

Durch Ranas Engagement wurden weite Teile der deutschen Bevölkerung erstmals darauf aufmerksam, wie prekär die Lage für religionsfreie Flüchtlinge in Deutschland ist. Zudem war ihr Fall der letzte Anstoß dafür, ein Projekt in Angriff zu nehmen, über das in Kreisen der Ex-Muslime und der Giordano-Bruno-Stiftung schon lange diskutiert wurde, nämlich die Gründung einer Säkularen Flüchtlingshilfe.

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